Mittwoch, 21. November 2012

Das perfekte E-Paper

Mit dem Aus der Frankfurter Rundschau, dem bevorstehenden Ende der Financial Times Deutschland sowie weiteren Hiobsbotschaften für die Zeitungsbranche bekommt die Diskussion über das Zeitungssterben in Deutschland neuen Wind.

Über die Ursachen haben unter anderem Richard Guthjahr und Sascha Lobo umfangreiche Analysen abgeliefert, denen ich nichts hinzuzufügen habe. Stattdessen will ich an dieser Stelle als Branchenfremder über mein privates Nutzerverhalten und meine Vorstellungen von einer Zeitung im Jahre 2012 schreiben.

Erstens. Warum ich keine gedruckte Zeitung mehr möchte.

Die Gründe dafür sind banal, aber vielfältig. Es geht damit los, dass sich mein Briefkasten im Freien befindet. Vor dem Frühstück möchte ich das Haus nicht verlassen, schon gar nicht im Winter. Während des Essens mag ich die Zeitung nicht anfassen, denn von den Leuten, die sie bis dahin in den Händen hielten, hatte möglicherweise einer eine Erkältung. Außerdem färben die Zeitungen ab. Sowohl meine Tageszeitung, das ist die Leipziger Volkszeitung (LVZ), als auch beispielsweise der SPIEGEL hinterlassen ihre Spuren an den Fingern. Das ist unangenehm.

Jahrelang hatte ich die Printausgabe der WELT abonniert und die Lektüre wirklich genossen. Gestört hat mich jedoch das Format, welches mir aufnötigte, jeden Artikel zurecht zu falten, um ihn lesen zu können, ohne schwere Arme zu bekommen. Eine Anleitung für dieses Zeitungsorigami hatte einst die FAZ geliefert. Außerdem muss ich zum Lesen für gute Lichtverhältnisse sorgen. Das Blättern raschelt zu laut im Sauna-Ruheraum. Artikel wiederauffindbar abzulegen, ist ohne großen Aufwand unmöglich; in alten Zeitungen sinnvoll zu recherchieren, ebenso. Einen URL abzutippen, ist mühselig, da helfen auch QR-Codes nichts.

Die Inhalte der Printausgaben sind mindestens von gestern, die meisten Dinge (Überregionales) weiß ich bereits, wenn ich die Zeitung aufschlage. Da der Platz begrenzt ist, kommen anreichernde Abbildungen zu kurz.

Last but not least bin ich seit 2010 Besitzer eines iPad. Dieses ist seit der Anschaffung meine Informations-, Kommunikations- und Konsumzentrale. Ich will einfach meine Inhalte von diesem schönen, teuren Gerät ablesen.

Das ist alles banal, aber das hatte ich ja angekündigt.

Zweitens: Warum ich überhaupt bereit bin, für Inhalte zu zahlen.

Zum einen ist es die exklusive, lokale Berichterstattung, die mir nur meine Tageszeitung liefert. Diesen Content findet man in diesem Umfang nicht im freien Netz. Zum anderen sind es intelligente, ausführliche, unterhaltsame Berichte und Kolumnen, die eben nur der ausgebildete Journalist oder andere Talente zustande bringen. Nicht zu vergessen: bei einer seriösen Tageszeitung oder einem Nachrichtenmagazin kann ich auf den Wahrheitsgehalt der Story vertrauen. Journalismus ist eine Profession und die muss bezahlt werden, dafür erhalte ich Qualität.

Des Weiteren übernimmt die Redaktion eine Vorauswahl relevanter Themen. Durch ihre in sich abgeschlossene Struktur, lasse ich mich bei Zeitungen und Magazinen leiten. Das empfinde ich als bequem.

E-Paper der LVZ: trotz APP derzeit noch PDF-Abbild der Printausgabe

Darüber hinaus ist mir auch eine ausgezeichnete user experience etwas wert. Liefert ein Online-Abonnement lediglich die PDF-Ansicht der Printausgabe (LVZ), so ist das Lesen am Bildschirm die Hölle. Eine gut gemachte App, welche die Möglichkeiten des Gerätes (sei es ein Tablet, ein Smartphone oder der Computerbildschirm) ausreizen, machen die Lektüre erst zum Genuss.

Screenshot aus der LVZ-SONNTAG-APP: gut lesbare Artikel mit Multimedia angereichert

Beispiele für gute Umsetzungen sind für mich die iPad-App des SPIEGEL, die iPhone-App des SPIEGEL, die iPad-App der WELT und die SONNTAG-APP der Mediengruppe Madsack, die auch als iPad-App LVZ SONNTAG erscheint. Hier macht das Lesen einfach Spaß.

SPIEGEL-Kauf in der iPad-App: teurer, als die Printausgabe

Drittens: Wie für mich das perfekte E-Paper aussieht.

Die perfekte Zeitung ist mit Leidenschaft gemacht. Das gilt sowohl für die technische Umsetzung als auch für die Inhalte. Das gilt bereits für die Printmedien. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, in der Onlineausgabe andere oder verkürzte Inhalte zu lesen, als in der Printausgabe. Im Gegenteil, in den Anfangstagen der WELT-App hat es mich gestört, dass es die großen Seiten füllenden Essays dort nicht gab. Nur, weil ich am Bildschirm lese, heißt das nicht, dass ich mich nicht in ein Thema vertiefen will. Wäre das so, wären E-Books erfolglos. Jede Zeitung hat ihr Profil, anhand dessen wähle ich sie aus. Das hat für mich nichts mit online/offline zu tun.

Wohl aber das Nutzererlebnis, welches für mich nach dem Inhalt eine sehr hohe Bedeutung hat. Dazu muss das Format der Artikel unbedingt am Lese-Device ausgerichtet sein. Im Landscape-Modus bedarf es Spalten wie in einer gedruckten Zeitung, wenn anderenfalls die Zeilen zu lang würden. Innerhalb eines Artikels gibt es nur eine Scrollrichtung. Infokästen (Interviews, Erläuterungen), die so gern mitten im Artikel abgedruckt werden, für die man aber den logischen Fluss des Textes unterbrechen würde, und sie deshalb doch erst liest, wenn man mit dem Artikel fertig ist, gehören an das Ende des Artikels. Struktur erhalten die Texte über Fotos und Abbildungen, durch Absätze, Listen und Weißräume. Jedes Foto kann bis auf Bildschirmgröße verlustfrei vergrößert werden, andernfalls ist es ein Ärgernis. Die Schrift ist relativ groß gewählt oder es wird eine Schriftgrößeneinstellung angeboten. Auch auf den Helligkeitsregler gibt es einen Direktzugriff in der App.

Startbildschirm der LVZ SONNTAG-App (iPad)

Bezüglich der Aktualität kann die Zeitung der Zukunft ihren Vorteil ausspielen. Fertig gestellte Artikel werden sofort zur Verfügung gestellt. Entweder gestaltet man das so fluide, dass laufend Artikel in den Äther gehen oder man wählt das Modell mehrerer Redaktionsschlüsse pro Tag, ich kann mir beides gut vorstellen.

Weitere Möglichkeiten zur Aufwertung des Nutzererlebnisses sind die aus Internetseiten und Social Media bekannten Funktionen zum Teilen, Liken und Kommentieren.

Übrigens wünsche ich mir, dass die Artikel werbefrei sind, weil Werbung meine Konzentration stört. Zwischen Artikeln und im Inhaltsverzeichnis lasse ich mir Werbung gefallen.

All diese Ideen sind nicht neu, nach meiner Erfahrung jedoch meist nur teilweise umgesetzt. Die Punkte dieses Absatzes habe ich in einer Mind Map zusammen getragen, unter anderem auch die Don'ts für ein E-Paper:

Mind Map E-Paper: zum Vergrößern Bild anklicken. Hier gibt's die PDF.

Eines noch:

Kopf hoch, Ihr Pressemacher! Der E-Paper-Markt wird wachsen. Qualität hat auch heute noch ihren Preis. Für mich hat der Qualitätsbegriff eine neue Komponente bekommen, die über den Inhalt hinausgeht. Das perfekte E-Paper wird Erfolg haben. Lasst Euch darauf ein!

Nachtrag (27.03.2013):

Lesenswerter Blogpost von Endreas Müller über sein Abenteuer, die Sächsische Zeitung (SZ) online zu lesen.